„Es herbschtet.“

Ein im Badischen fast zweideutig anmutender Satz, beginnt doch bei uns jedes Jahr im September die Weinlese und die dritte Jahreszeit gleichzeitig und neuerdings immer früher. Dieses Jahr ist schon der August in den Herbst gerutscht. Die Blätter färben sich, ab und an regnet’s. Zum Glück habe ich den Sommer nicht mit Urlaub verplempert. Ich bin umgezogen.

Die Begleiterscheinungen des Umzugs sind zunächst geographischer Natur, ich lebe nun etwa 1 Sek südlicher und östlicher als zuvor. 47°59’42″ nördl. Breite 7°51’10″ östl. Länge. Doch der damit verbundene Kulturclash ist gewaltig. Vorher Stühlinger – jetzt – In der Wiehre. Zuvor war aufgrund der multikulturellen Ausrichtung seiner Bewohner ein der Ortsangabe vorgestellter Artikel eher hinderlich – nun: örtlich, bestimmt und weiblich – in der Wiehre. Die Wiehre ist laut Wikipedia „heute ein sehr beliebtes Wohngebiet, vor allem wegen ihres reichen Altbaubestandes, der vergleichsweise ruhigen Straßen und der attraktiven Lage zwischen dem Stadtzentrum und grünen Stadtrandgebieten.“ Und weiter heißt es: „Schon aufgrund der hohen Miet- und Grundstückspreise ist die Wiehre primär ein Wohngebiet der Akademiker und der oberen Mittelschicht.“ Da fühlt man sich angekommen, irgendwie erwachsen: mit dem Stadtteil kann man sogar bei der Schwiegermutter punkten. Der Olymp der Burgoisie.

Es mag an der südlicheren Lage liegen – aber das tägliche und nächtliche Urlaubsgefühl ist jeden Cent mehr Miete wert. Man ist unter sich, in einem nicht ausschließenden Sinne, jeder ist “Willkommen”, doch die kulturellen Codes sind klar. Allein die Fenster: Orchidee – Tischlampe – Gardine. Natürlich sind alle umweltbewusst, aber nicht in diesem sozial-repressiven Sinn, sondern dezent. Der gelbe Sack für Verpackungsmüll lagert im Keller und wird nur am Vorabend der Abholung rausgestellt. Und wird nicht etwa mit einem neonorangen Zettel versehen auf der Strasse liegen gelassen, bis der Wind ihn wie Tumbleweed weiterbläst. Im Stühlinger richtete man sich regelmäßig neu ein, indem man den Sperrmüll des Nachbarn durchforstete. Auch wir entwickelten einen gewissen sportlichen Ehrgeiz darin. Zum Abschied aus dem Viertel landete unser halbes Wohnzimmer auf der Strasse. Das Häufchen, was die ASF dann am nächsten Morgen noch abholen konnte, war übersichtlich. In der Wiehre muss man sich beim Interieur vorher auf einen Stil festlegen. Wir sind jetzt mediterran-maritim eingerichtet, Treibholz-Optik kombiniert mit Shabby Chic Look.

In der Sozialromantik des Stühlinger konnte man sich vorstellen: Hinter den Bäumen zwischen den Hochhäusern liegt der Strand, dessen Meeresrauschen sich aus Dreisam und Zubringer speist, inklusive Halbstarke auf ihren Mopeds wie in Spanien. Die Wiehre hingegen wirkt eher französisch: vor allem am alten Wiehrebahnhof, Mittwoch- und Samstag provencalischer Wochenmarkt und abends beim Boule wird’s gemütlisch. Zum Absacker geht man rüber in Omas Küche, im Stühlinger hieß der public livingroom Cafe Beirut. Jetzt im Herbst gibt’s da bald: neuer Süßer un e Flammekueche. Traditionell zum Kalendarischen Herbstanfang findet am Samstag der Wiehre-Flohmarkt statt: mal sehen, ob die Nachbarn nen Garderobenständer verkaufen, der in unser Stilkonzept passt.

Marche aux puces

Eine Antwort zu „Es herbschtet.“

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