Borges im Delicatessa, Erwinstr. 3

Manche sagen, das Delicatessa sei schon immer da gewesen. Ich weiß nicht, ob ich das bezweifeln kann. Ich weiß nur, als ich dort letztes Mal einen Cafe lungo trank, kam es mir vor, als sei ich schon immer da gewesen. Hätte da gesessen, mit Blick auf Abachini, Spaghetti, Papadelle, Tortellini, Tortelloni, Cannelloni, Campanelle, Fetuccini, Fusilli, Gobetti, Linguine, Maccheroni, Penne Rigate, Mezzelune, Orecchiete oder Ziti.

Und zwischen all der Pasta, in der rechten Ecke des Ladens sah ich, in Richtung des Lichts, eine schier unglaubliche Sphäre. Die eigentliche Größe des Aleph war vielleicht ein Zentimeter, doch in dieser Kleinheit war die ganze Welt eingefangen. Gleichzeitig und verkleinert. Ich sah alles von allen Seiten des Universums: ich sah Sonnenuntergang und Morgenröte, ich sah die Großartigkeit Italiens, ich sah ein zersplittertes Labyrinth (es war Neapel); ich sah unendliche Augen, die mich wie einen Spiegel anstarrten, ich sah mich wie ich dies schrieb, ich sah das Colosseo, Tiger, Gladiatoren und Blut, wie es in meiner Hand floß; ich sah das Aleph aus jedem Punkt und Blickwinkel, und im Aleph sah ich die Erde und in der Erde das Aleph. Als es zu Ende war, fühlte ich unendliche Leere. Ich bestellte noch einen Cafe.

2 Antworten zu Borges im Delicatessa, Erwinstr. 3

  1. Echt: Wenn ich nicht wüsste, dass du die Wiehre bewohnst, würde ich denken, du schriebst Flaschenpostbriefe aus irgendeinem romanischen Land, in dem der magische Realismus lebt.

  2. Pingback: Saramago im Di Vina’s Art Cafe, Günterstalstr. 31 | MKB

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