Manu Chao: Die Hoffnung ist mein Treibstoff

von MAK, 07.08.2001 (meOme)

Die Dinge laufen wirklich schlecht, Lateinamerika ist dabei, unterzugehen, und Afrika ist schon gesunken, doch uns bleibt die Hoffnung.

So erklärte Manu Chao bei der Präsentation seiner neuen CD deren vieldeutigen Titel “próxima estación: Esperanza” (nächste Station: Hoffnung). Die Hoffnung ist es auch, die ihn jeden Morgen aufstehen lässt, und die ihn antrieb, nach “Clandestino” eine weitere CD zu machen. Wie auf seinem Solodebüt aus dem Jahre ’98 hat er auch dieses Mal Samples benutzt, die er auf seinen Reisen durch Mittel- und Südamerika mit einem mobilen Studioequipment aufgenommen hat.
Herausgekommen ist eine Mischung aus Reggae, Ska, Pop, Rock und vor allem Volksmusik aus den jeweiligen Regionen. Er selbst ordnet seine neue Platte als fröhlicher und weniger melancholisch als den Vorgänger ein. Nichts desto trotz ist auch hier die Anklage und Kritik an einer immer rücksichtsloser werdenden Welt zu hören. Die siebzehn Stücke sind noch internationaler; waren es bei “Clandestino” die Sprachen Spanisch, Französisch und Englisch, so kommen jetzt noch Portugiesisch, Arabisch und “Portuñol” hinzu, letztere eine Sprache der Leute, die an den Grenzen (zwischen Spanisch (español) und Portugiesisch (portugues)) leben. Und gerade diese Regionen sind Manu Chao die liebsten, hat er doch in den letzten sechs Jahren viele Landes-, Sprach- und Kulturbarriere durchbrochen und wird nicht nur wegen seiner Bühnenshow in Mexiko schon “Chapulín” (Grashüpfer) genannt. Manch einer wird ihm vorhalten, dass er sich nicht wirklich weiterentwickelt hat: Seine neue Platte zitiert an vielen Stellen den Vorgänger! Doch das ist einfach Manu Chaos Arbeitsweise, denn schon auf “Clandestino” hatte er oft auf seine alte Band Mano Negra verwiesen.

Hoffnung entsteht aus Wahrheit

Er ist also seinem Stil treu geblieben, inhaltlich jedoch ein Stück weiter gegangen. Auf “Clandestino” ging es noch um den vagabundierenden Flüchtling ohne Papiere, während “próxima estación: Esperanza” vor allem sozialkritisch von den Lügen und Mängeln der Welt erzählt. Die recht resignierte Weltsicht wird jedoch kontrastiert durch die mitreißende, bewegende Musik. Das musikalische Grundthema vom Sommerhit “Bongo Bong” taucht in “próxima estación: Esperanza” wieder auf, doch diesmal in einem anderen textlichen und musikalischen Zusammenhang: Die Welt wird verrückt und fröhlich reggaemäßig gehen wir auf den Untergang zu. Dass BSE kein europäisches Problem ist, beweist “Vaca loca” (verrückte Kuh). Manu Chao geht mit diesem in Europa fast schon hysterisch behandelten Thema sarkastisch um: “zum Friedhof geht sie, die Kuh mit schlechter Milch (Doppelbedeutung mala leche: böse, fies), nicht einmal Gott wird ihr verzeihen.”

Tour mit Radio Bemba

Die neue CD ist schon seit einem Jahr fertiggestellt, doch der Zufall wollte es so, dass “Radio Bemba”, ein lockerer Verbund von Musikern, mit denen Manu Chao zusammenarbeitet, zuerst mit ihm auf Tour durch Lateinamerika gehen wollten, bevor die CD veröffentlicht wurde. Natürlich ist Manu Chao mittlerweile auch auf Europatour, der rastlose Vagabund lässt kein Open-Air aus. Als besonderes Bonbon für seine Wahlheimat Barcelona hat er vor, auf dem Fest der Schutzheiligen von Barcelona, “La Merce”, am 24.September aufzutreten. Die katalanische Hauptstadt hat er auf “próxima estación: Esperanza” übrigens ganz besonders verewigt: ein Sample aus der Barceloneser Metro (Lautsignal, Sprecher und Sprachrhythmus) zieht sich durch die CD.

Die Welt als Studio

Wie schon bei der letzten Produktion hat Manu Chao sein kleines Studio in Barcelona als Aufnahmeort genutzt, denn es erlaubt ihm die Momente schnell festzuhalten und spontane Aufnahmen mit anderen Künstlern vorzunehmen. Das einzige Problem sei, dass sich so viel Material anhäufe, und es später schwierig wird, es in Themen einzuteilen, was dem Hörer wieder einmal einen perfekt ineinander übergehenden Soundtrack zu Chaos Reisen bietet. Die Radiotauglichkeit wird deswegen zwar gemindert, aber ich bin mir sicher, dass diese einzigartige Arbeitsweise auch in Europa bald als Manu Chao–Stil in die Popmusiklexika eingehen wird. In Mexiko ist dies schon geschehen. Dort wird er auch längst als einer der Ihren angesehen, genau wie auf dem übrigen süd- und mittelamerikanischen Kontinent. Es herrscht sogar überwiegend die Meinung, dass er aus Argentinien stammt, obwohl er ja eigentlich spanischstämmiger Pariser ist, der in Barcelona und seit neuestem in Rio de Janeiro lebt.

Die Welt als Bühne

Wer das Glück hat, in der Nähe eines Konzertortes zu wohnen, sollte sich informieren, ob Manu Chao und seine Band nicht noch nach dem Konzert umsonst in einer Kneipe, einer Fußgängerzone oder für eine soziale Einrichtung spielt. Seine Philosophie ist es, die Musik, die er vom Volk geschenkt bekam, wieder an dieses zurückzugeben und auch den Austausch mit einheimischen Musikern zu pflegen, die dann spontan mitspielen. In Lateinamerika hat er deshalb in Gefängnissen, Universitäten und in den Slums gespielt, um seine Message auch an jene weiterzugeben, die er normalerweise nicht erreicht. Er glaubt fest daran, dass seine politische, sozialkritische Musik etwas bewirken kann. Lateinamerika soll aufwachen, denn es ist zwar Hoffnung, die in seinen Liedern mitschwingt, doch gleichzeitig ist es auch die letzte Station, das Ende der Strecke, die letzte Chance zum Umkehren.

Eine Antwort zu Manu Chao: Die Hoffnung ist mein Treibstoff

  1. Cool. Denkst du bei alten Texten auch manchmal: Ah ja. Meinen Stil habe ich damals aber noch gesucht …

    Zur selben Zeit habe ich sowas geschrieben: http://martinjost.wordpress.com/2011/03/08/da-klappt-es-auch-mit-den-nachbarn/ (Auf der Suche nach dem Lokalreporter-Sprech).

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